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Fachkräftemangel in Deutschland? Ein Plädoyer für mehr Eigenverantwortung von Oliver Günther und Gottfried Vossen

In der fünften Vorstandskolumne machen sich Vizepräsident Oliver Günther und Gottfried Vossen Gedanken über die Eigenverantwortung des Einzelnen bei der beruflichen Weiterbildung.

In den deutschen Medien und in zahlreichen Studien können wir es beinahe täglich lesen: Deutschland leidet aktuell (wieder einmal) unter einem größeren Mangel an IT-Fachkräften. Woran liegt das? Was können wir tun? Wie können wir dies in Zukunft vermeiden? Kann die berufliche Weiterbildung an dieser Stelle Lösungsansätze bieten?

Es ist wieder einmal soweit: Laut einer BITKOM-Studie fehlen in Deutschland 28.000 IT-Fachkräfte, und die Unternehmen in Deutschland bemängeln das zu niedrige Niveau der Bewerberinnen und Bewerber. Unternehmen suchen aktuell vor allem Fachkräfte im Bereich der Softwareentwicklung, sei es zum Aufbau eines Data Warehouse, um die vorliegenden, immensen Datenbestände zu monetarisieren, sei es um die eigenen Anwendungen und die der Kunden in einer „Cloud“ zu konsolidieren, sei es um die Geschäftsprozesse zu optimieren. Aber ist das eine neue Situation? Nein, das war schon in den 1970er Jahren so; seitdem kommt die Klage nach fehlenden IT-Fachkräften in Abständen immer wieder. Und konnten wir sie diesmal nicht wenigstens kommen sehen? Klar konnten wir, denn seit dem Platzen der ersten „Dot-Com-Bubble“ vor gut 10 Jahren sind so viele weitreichende Fortschritte und Erfindungen in der IT erzielt worden, dass offensichtlich war, dass zu deren Entwicklung, Umsetzung oder Vermarktung wieder viele neue Fachkräfte mit spezifischem Wissen benötigt würden.

Aber dann ist doch berechtigt zu fragen, warum wir uns nicht besser vorbereitet haben. Tatsache ist, dass man von je her nicht nur über den Weg eines Informatik-Studiums in die IT gelangen kann. Vielmehr kann man auch über zahlreiche fachverwandte Studiengänge, darunter insbesondere die Wirtschaftsinformatik und weitere sogenannte Bindestrich-Informatiken, an Universitäten, Fachhochschulen und Berufsakademien sowie über diverse Ausbildungsberufe wie etwa den Fachinformatiker einen Zugang zur Branche finden. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Angebote für eine einschlägige Weiterbildung neben dem Beruf. Die Möglichkeiten sind also vielfältig, werden aber anscheinend nicht ausgeschöpft.

Da könnte man jetzt darauf kommen, wieder einmal den Schulen die Schuld zuzuschieben, denn – wie auch in der vierten Vorstandskolumne dargelegt wurde – die Schulen bereiten ja in Deutschland bestenfalls marginal auf einen IT-Beruf vor und wecken oft nur wenig Interesse am Themenfeld der IT und Informatik. Manchmal übrigens auch mit dem Ergebnis, dass der Umgang mit IT von Schülern mit Autofahren verglichen wird: Zum Autofahren brauche ich kein Maschinenbau-Studium, also für den Umgang mit IT auch kein Informatik-Studium.

Warum bekommen die Kalifornier und Taiwanesen das besser hin? Weil dort bei den Schülern schon früh Begeisterung für Technik und den Umgang damit geweckt wird und weil man den Stoff aktuellen Entwicklungen ständig anpasst. Aber auch, weil das Image der Informatik ein etwas anderes ist: nicht nur dröge Technik für „Nerds“, sondern Struktur- und Gestaltungsdisziplin für Kreative; nicht nur tauglich für einsame Fachkarrieren, sondern auch ein Sprungbrett ins Management.

Sicherlich wurde in den letzten Jahren viel unternommen (auch und gerade seitens der GI, aber auch z. B. durch die MINT-Initiative), um hier Verbesserungen herbeizuführen. Wir befinden uns erst im Jahre 74 des Computers (gerechnet ab 1937, dem Geburtsjahr der Zuse Z1), nehmen Teil an einer technologischen Entwicklung, deren Ende nicht absehbar ist, leben in einer Welt, die sich mittlerweile im Zehn-Jahres-Rhythmus neu erfindet (vgl. hierzu die Titelgeschichte im Handelsblatt vom 23. Mai 2011: „Heute Superstar, morgen Sanierungsfall“, die dies an Beispielen wie AOL, Palm, Yahoo! und anderen sehr deutlich illustriert), und das soll mit Autofahren vergleichbar sein? Nein, beim besten Willen nicht (denn letzteres ist im Laufe von 125 Jahren bequemer und sicherer, aber nicht grundlegend anders geworden). Um erfolgreich Karriere in der IT machen zu können, ist ein wendiger Geist gefordert, der sich nicht bequem zurücklehnt, wenn man den Studienabschluss erreicht hat, sondern der sich darauf einlässt, sich laufend mit neuen Herausforderungen auseinander zu setzen, sich permanent weiterzubilden oder der sogar bereit ist, dafür auch mal selbst Geld auszugeben.

In die berufliche Weiterbildung wird in Deutschland häufig nur investiert, wenn man seine gesetzlich garantierten Ansprüche einlösen will oder wenn der Arbeitgeber diese bezahlt; dass man sich hieran selbst beteiligt, quasi als Investition in die eigene Zukunft, ist eher unüblich. Obwohl auch hier zahlreiche staatliche Fördermöglichkeiten bestehen, ist die Eigeninitiative (außer bei Freelancern, die wissen, dass sie nur mit aktuellem Fachwissen bei ihren Kunden punkten können) noch recht gering ausgeprägt. Auch hier brauchen gerade wir Deutschen ein Umdenken, und auch hier würde ein Blick über den berühmten Tellerrand nicht schaden. Denn dann würden wir erkennen, dass man z. B. in Singapur die eigene Aus- und Weiterbildung als dritte große Lebensinvestition (neben Haus oder Wohnung und Auto) betrachtet, für die man sogar bereit ist, einen Kredit aufzunehmen.

Vergleiche mit dem Ausland zeigen aber auch: Deutsche Fachkräfte sind gut, trotz der genannten Schwächen im Aus- und Weiterbildungsbereich! Gerade darum kann und sollte es ein Ziel für Arbeitgeber, die öffentliche Hand, aber auch und vor allem für den Einzelnen selbst sein, noch besser zu werden. Weiterbildung gegen den Fachkräftemangel ist eine naheliegende Lösung, die den Standort Deutschland zukunftsfähig machen kann. Wir sind ein Hochlohnland und müssen uns in bestimmten Bereichen Wettbewerbsvorteile sichern, wir können aber nicht mit indischen oder asiatischen Programmierern in den direkten Wettbewerb treten, da ein derartiges Lohngefüge in Deutschland nicht abbildbar ist. Wir müssen uns auf die Qualität „Made in Germany“ besinnen, hochwertige, robuste Systemarchitekturen entwerfen, innovative Sicherheitskonzepte ersinnen, modellgetriebene Softwareentwicklung vorantreiben und Geschäftsfelder der Zukunft (Internet der Energie, Internet der Dinge, Cyber Physical Systems u.v.m.) mit IT wettbewerbsfähig machen. Und wie lautet ein Motto des Münchner Kreises: „Nur die klügsten Köpfe generieren Innovationen.“

Wir müssen auch gemeinsam dafür sorgen, dass der Spaßfaktor der Beschäftigung mit IT und das ständige Aktualisieren des eigenen Fachwissens stärker in den Vordergrund gestellt wird, denn sonst werden noch viele weitere Generationen von Leuten wie Bill Gates, Steve Jobs oder Mark Zuckerberg nicht aus Deutschland kommen.

Hier sieht sich auch die GI in der Pflicht. Eine prononcierte Imagepflege sowie fachlich fundierte Angebote zur Weiterbildung, insbesondere über die GI-eigene Deutsche Informatik-Akademie stehen ganz weit oben auf der langfristigen Agenda.

(Juli 2011)

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