Pressemitteilung

Digitale Bankrotterklärung in NRW: Angekündigte Stärkung der Informatik in Schulen bleibt ein reines Lippenbekenntnis

Die Landesregierung verspielt ihre Chance zur Stärkung des Digitalstandorts Nordrhein-Westfalen: Informatik muss zum Pflichtfach in allen Schultypen werden.

Heute beschäftigt sich der Ausschuss für Schule und Bildung im nordrhein-westfälischen Landtag in Düsseldorf mit dem Entwurf der Vierten Verordnung zur Änderung der Ausbildungs- und Prüfungsordnung Sekundarstufe I (APO-S I). Dieser sieht Informatik lediglich als Wahlfach im Gymnasium vor. Im Koalitionsvertrag hatte die Landesregierung angekündigt, den Informatikunterricht in allen Schulformen zu stärken und die Vermittlung von Fähigkeiten im Programmieren als elementaren Bestandteil im Bildungssystem verankern.

In der geänderten Stundentafel heißt es, dass zwei im naturwissenschaftlichen Bereich nicht gebundene Unterrichtsstunden für die Stärkung der informatischen Bildung eingesetzt werden können. Damit werden aber nicht alle Schülerinnen und Schüler erreicht. Die Fächer Biologie, Physik und Chemie hingegen müssen demnach, mit jeweils mindestens sieben Stunden unterrichtet werden. Zwar ist an vielen Stellen die fachbezogene Nutzung digitaler Medien vorgesehen, eine Einbeziehung von Informatikkompetenzen in die Lehrpläne der Fächer ist jedoch nahezu nicht erfolgt. Das Land NRW setzt auf einen rein fächerintegrierten Ansatz. Andere Bundesländer wie Baden-Württemberg, Bayern, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen haben neben der fächerintegrierten Verwendung digitaler Medien zusätzlich ein eigenes Pflichtfach Informatik eingerichtet, um die dringend benötigten Kompetenzen zu vermitteln.

Prof. Dr. Torsten Brinda, Sprecher des Fachbereichs „Didaktik der Informatik/Informatik und Ausbildung“ der Gesellschaft für Informatik: „Was in NRW derzeit am Gymnasium passiert, ist ein echtes Problem im Hinblick auf die Ausgestaltung des digitalen Wandels und die Zukunftschancen junger Menschen. Ohne ein Pflichtfach Informatik hätten die für das Verstehen und Mitgestalten des digitalen Wandels dringend benötigten Informatikkompetenzen in den Lehrplänen etablierter Pflichtfächer verankert werden müssen, damit alle Schülerinnen und Schüler im Land diese erwerben können. Nun liegen die Lehrplanentwürfe vor und das ist nicht erfolgt. Den anderen Fächern kann man diesbezüglich jedoch keinen Vorwurf machen, da deren Lehrkräfte, sofern sie nicht zufällig selbst Informatik als zweites Fach unterrichten, gar nicht dafür ausgebildet sind. Die vom Landtag NRW 2017 beschlossene und von der derzeitigen Landesregierung angekündigte Stärkung von Informatikunterricht bleibt somit ein reines Lippenbekenntnis. Wenn es NRW mit der in der Digitalstrategie NRW angekündigten nationalen Führungsrolle im Bereich der Digitalisierung ernst meint, sollte es auch so handeln, sonst wird es zum digitalen Pflegefall.“

Unter www.informatiknrw.de fordert ein breites Bündnis von Digitalexperten und -verbänden die Aufnahme von Informatik als Pflichtfach in die Verordnung zur Änderung der Ausbildungs- und Prüfungsordnung Sekundarstufe I (APO-S I) in Nordrhein-Westfalen und fordert die Landesregierung sowie die Landtagsabgeordneten auf, den Anforderungen der zunehmenden digitalen Vernetzung endlich im Schulcurriculum Rechnung zu tragen. Bereits über 1.000 Einzelpersonen und Institutionen unterstützen diese Forderungen.Die Stellungnahme von Prof. Dr. Torsten Brinda im Ausschuss für Schule und Bildung im nordrhein-westfälischen Landtag zum Entwurf der Vierten Verordnung zur Änderung der Ausbildungs- und Prüfungsordnung Sekundarstufe I (APO-S I) ist hier zu finden: https://www.landtag.nrw.de/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument/MMST17-1499.pdf.

Über die Gesellschaft für Informatik e.V.
Die Gesellschaft für Informatik e.V. (GI) ist mit rund 20.000 persönlichen und 250 korporativen Mitgliedern die größte und wichtigste Fachgesellschaft für Informatik im deutschsprachigen Raum. 2019 feiert die GI ihr 50-jähriges Gründungsjubiläum. Seit 1969 vertritt sie die Interessen der Informatikerinnen und Informatiker in Wissenschaft, Wirtschaft, öffentlicher Verwaltung, Gesellschaft und Politik. Mit 14 Fachbereichen, über 30 aktiven Regionalgruppen und unzähligen Fachgruppen ist die GI Plattform und Sprachrohr für alle Disziplinen in der Informatik. Die GI-Mitglieder binden sich an die Ethischen Leitlinien für Informatikerinnen und Informatiker der Gesellschaft für Informatik e.V.: https://gi.de/ethische-leitlinien. Weitere Informationen finden Sie unter www.gi.de.

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