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Basisqualifikation in Informatik für alle Lehrkräfte

Die Bildung in einer zunehmend digital vernetzten Welt ändert sich grundlegend – sowohl was die Inhalte angeht, als auch die Art und Weise wie Wissen vermittelt werden kann. Für die Gesellschaft für Informatik ist die digitale Bildung eines der zentralen Themen in ihrer Arbeit. Dabei geht es auch immer um die Frage, wie informatisches Wissen in der Schule und der Hochschule vermittelt werden kann. Wir sprachen mit Prof. Dr. Torsten Brinda, Sprecher des Fachbereichs „Informatik und Ausbildung / Didaktik der Informatik“ von der Universität Duisburg Essen über die Rolle der GI in der Diskussion.

Herr Brinda, warum ist das Thema der Digitalen Bildung heute so aktuell?

Bildung ist der Schlüssel zur Teilhabe innerhalb unserer Gesellschaft. Da die Digitalisierung immer mehr Arbeits- und Lebensbereiche durchdringt ist eine umfassende Bildung in dieser digital vernetzten Welt wichtiger denn je. Wenn die Schule ihren Bildungsauftrag umfassend erfüllen will, muss sie Lösungen finden, um Lehrende und Lernende in der digitalen Welt auf den entsprechenden Bildungsstand bringen. Das Ziel ist es, Lernenden auch die durch Digitalisierung geprägten Facetten unserer Welt zu erschließen und sie darin zur aktiven Teilhabe zu befähigen.

Welche Empfehlungen spricht GI in diesem Kontext aus?

Wir haben mit verschiedenen Akteuren aus Informatik und ihrer Fachdidaktik, Medienbildung, Wirtschaft und Schulpraxis 2016 ein Modell entwickelt, das als Dagstuhl-Dreieck bekannt geworden ist. Die Kernaussage ist, dass ausschließliche Konzepte für digitale Medienbildung, Benutzerschulung oder Informatikunterricht jeweils für sich genommen zu kurz greifen. Alle diese Ansätze tragen wertvolle Aspekte zu dem bei, was als sogenannte digitale Bildung verstanden wird.

Das Dagstuhl-Dreieck macht dies durch drei Perspektiven deutlich, die hinsichtlich der Phänomene und Artefakte in der digitalen Welt eingenommen werden sollten: die technologische, die gesellschaftlich-kulturelle und die anwendungsbezogenen Perspektive. Für jeden Lerngegenstand lässt sich damit hinterfragen, wie etwas aus informatischer Sicht funktioniert, welche Anwendungsmöglichkeiten sich ergeben und welche Wechselwirkungen mit Individuum und Gesellschaft bestehen. Das geht über die verbreitete Sichtweise hinaus, man müsse nur den Umgang mit gängiger Hard- und Software erlernen.

Die Kultusministerkonferenz hat ein Strategie-Papier „Bildung in der digitalen Welt“ herausgegeben. Ein Schritt in die richtige Richtung oder zu kurz gesprungen?

Zunächst einmal ist es uneingeschränkt positiv, dass es ein solches Strategiepapier gibt. Hier zeigt sich der politische Wille, das Bildungssystem in der digitalen Welt insgesamt voranzubringen. Die darin ausgeführten Maßnahmen, z. B. zur Integration des Lehrens und Lernens mit digitalen Medien in allen Fächern, sind grundsätzlich schlüssig und notwendig. Wir müssen aber nicht nur weiterentwickeln, wie und womit wir lernen, sondern auch was wir lernen. An dieser Stelle bleibt die KMK-Strategie sehr vage.

Junge Menschen brauchen heute auch informatische Kompetenz, genauso selbstverständlich, wie sie sprachliche, mathematische oder naturwissenschaftliche Kompetenz benötigen, denn sonst bleibt die durch Digitalisierung geprägte Welt für sie ein Mysterium. Wie funktionieren Digitalisierung, Automatisierung und Vernetzung im Kern eigentlich? Welche Auswirkungen haben sie auf unser Leben? Für solche Fragen braucht es einen verbindlichen Platz in der schulischen Ausbildung für alle Schülerinnen und Schüler.

Was erhoffen Sie sich vom Digitalpakt der Bundesregierung?

Der angestrebte Digitalpakt zwischen Bund und Ländern ist sehr begrüßenswert. Er sieht vor, entsprechende pädagogische Konzepte flächendeckend zu integrieren und die Umgestaltung der Lehreraus- und -fortbildung sowie der Strategieentwicklung bei Schulen und Schulträgern als Voraussetzung für den infrastrukturellen Ausbau vorzugeben.

Als Gesellschaft für Informatik knüpfen wir aber noch weitere Forderungen daran: Es muss sichergestellt werden, dass neben allen wichtigen Zielen im Bereich der Medienkompetenz auch informatische Kompetenz als verbindliches Ziel schulischer Bildung definiert wird.

Die GI hat mit ihren Empfehlungen für Bildungsstandards Informatik für die Sekundarstufen I und II dafür bereits eine Diskussionsgrundlage vorgelegt. Entsprechende Kompetenzentwicklung schließt ein, dass es dafür in der Schule einen geeigneten Lernort geben muss und dass entsprechender Unterricht von dafür fachlich qualifizierten Lehrkräften erteilt werden muss.

Der politische Wille, dass digitale Bildung ausschließlich fächerintegriert umgesetzt werden soll, greift diesbezüglich zu kurz, da die Vermittlung informatischer Ideen jenseits von Grundschulniveau Lehrkräfte erfordert, die ein Informatik-Lehramtsstudium erfolgreich abgeschlossen haben. Allerdings sollten zukünftig alle Lehrkräfte zumindest eine Basisqualifikation in Informatik erhalten. Die notwendigen Mittel für den Digitalpakt müssen außerdem fest im Bundeshaushalt für die kommenden Jahre verankert werden.

Welche Rolle spielt die GI in dieser Diskussion?

Die Gesellschaft für Informatik hat in verschiedenen parlamentarischen Abenden mit Bildungsexperten aller Fraktionen des Deutschen Bundestages und weiteren wichtigen Bildungsakteure über das Strategiepapier der KMK und der Bildungsoffensive für die digitale Wissensgesellschaft des BMBF diskutiert und Anpassungsnotwendigkeiten angesprochen, die sich aus diesen Diskussionen ergeben haben.

Als Fachgesellschaft auch der Informatiklehrerinnen und -lehrer bündeln wir IT-Expertise aller Lehr- und Lernbereiche. Wir kommen mit unseren Forderungen für eine zukunftsorientierte und an den Herausforderungen der digitalen Transformation orientierten Bildung unserer Verantwortung nach, den digitalen Wandel verantwortlich und nachhaltig mitzugestalten. Mit dem Informatik-Biber, dem Informatik Jugendwettbewerb und dem Bundeswettbewerb Informatik führen wir schon heute jährlich etwa 300.000 Schülerinnen und Schüler an die Informatik heran.

Zudem haben wir beispielsweise gemeinsam mit der Initiative „MINT Zukunft schaffen“ erstmalig MINT-freundliche digitale Schulen ausgezeichnet. Gemeinsam mit der Wissensfabrik, der Dienstleistungsgesellschaft für Informatik, dem eco – Verband der Internetwirtschaft und anderen Experten aus Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft haben wir dazu einen Kriterienkatalog und einen Leitfaden für digitale Schulen entwickelt. So können wir das Augenmerk auf einzelne Schulen richten und ihre Erfahrungen anderen Bildungsträgern weitergeben.

Zur Person: Prof. Dr. Torsten Brinda

Prof. Dr. Torsten Brinda hat den Lehrstuhl „Didaktik der Informatik“ am Institut für Informatik und Wirtschaftsinformatik der Universität Duisburg Essen inne. Er ist Sprecher des GI-Fachbereichs „Informatik und Ausbildung / Didaktik der Informatik“.