Lexikon

Sozionik

Sozionik ist ein interdisziplinäres Forschungsfeld zwischen Soziologie und Künstlicher Intelligenz (KI). Dabei geht es um die Frage, ob und wie es möglich ist, kommunikations- und kooperationsfähige Computerprogramme zu entwickeln, die sich am Vorbild der menschlichen Gesellschaft orientieren. Ähnlich wie man sich in der Bionik biologische Körperfunktionen zum Vorbild für technische Konstruktionen nimmt, stellt man sich in der Sozionik die Aufgabe, soziale Abläufe und Strukturen als Anregung für die Gestaltung verteilter Computersysteme zu nutzen. Das paßt zum „Zeitgeist", denn wir können seit einigen Jahren einen tiefgreifenden Wandel im technologischen Leitbild von Entwicklern und Anwendern beobachten: Es ist nicht mehr das elektronische „Gehirn" des einsamen Superrechners, sondern es ist die Vision einer elektronischen „Gesellschaft" weltweit vernetzter Rechnersysteme,die einer neuen Generation von Computertechnologien ihren Stempel aufprägen wird.

Auch wenn die Bezeichnung „Sozionik" neu ist, lassen sich ihre Ursprünge bis in die 70er Jahre zurückverfolgen. Damals formulierte Carl Hewitt am MIT in seinem berühmten Aufsatz über „message passing" das sogenannte Unentscheidbarkeitsproblem der verteilten KI: Was geschieht, wenn zwei in sich geschlossene „Mikrotheorien" mit Bezug auf ein und dieselbe Aufgabe zu widersprüchlichen Lösungen kommen,die beide gleichermaßen logisch sind? Dieser Widerspruch ist logisch unentscheidbar und läßt sich wie im Zusammenleben realer Menschen nicht durch Kalkül, sondern nur durch Verhandlung auflösen. Dafür werden soziale Fähigkeiten benötigt. Um eine gemeinsam getragenen Entscheidung zu erreichen,muß man miteinander reden,abwägen,verhandeln und Kompromisse schließen. Das erklärt auch, warum „Verhandlung" die erste Sozialmetapher war, die in den Arbeiten der verteilten KI eine wichtige Rolle spielen konnte. Seitdem haben weitere soziologische Konzepte wie Rollenerwartung, pluralistische Gemeinschaft, Kommunikation, Macht und Vertrauen in die Forschungsarbeiten der verteilten KI Eingang gefunden. Heute spricht man sogar von „Artificial Social Systems" oder „Artificial Societies" und meint damit Computerprogramme,die sich die Robustheit, Anpassungsfähigkeit und Kreativität wirklicher sozialer Systeme zu eigen machen.

Als noch junges interdisziplinäres Unternehmen von Informatikern und Soziologen steht die Sozionik vor drei Aufgaben, wobei sie sich an drei entsprechenden „Referenzkriterien" bewähren muß:

(1) „Anwendungsreferenz"

Die erste Aufgabe besteht darin, praktische Anwendungssysteme wie „soziale Agenten", „intelligente Assistenten" oder „Multiagentensysteme" (MAS) auf den Markt zu bringen. Mit dem Siegeszug des Internet wird es zu einem Nachfrageschub für sozionische Produkte kommen. Zu denken ist beispielsweise an einen elektronischen „Agenten", der sich im Auftrag seiner Firma im Internet auf die Suche nach potentiellen Kooperationspartnern für ein bestimmtes Projekt macht und durch „Vorgespräche" mit Agentensystemen anderer Firmen eine Vorauswahl trifft. Die endgültige Entscheidung wird dann allerdings den menschlichen Unternehmern vorbehalten bleiben. Der praktische Erfolg solcher Anwendungsprogramme hängt in hohem Maße von der gelungenen „soziotechnischen" Systemgestaltung ab, und deshalb ist es unabdingbar, daß hier beide Disziplinen eng zusammenarbeiten.

(2) „Soziologiereferenz"

Die zweite Aufgabe heißt „social simulation". Sie verfolgt das Ziel, künstliche Sozialsysteme und soziologische Simulationsprogramme zu entwickeln, um gesellschaftliche Phänomene wie das Problem der sozialen Strukturbildung oder die Dynamik des sozialen Wandels besser verstehen zu lernen. Diese Simulatoren müssen aber so gebaut sein, daß sie soziologisch angemessen, also weder naiv noch überabstrakt sind, und das geht nur, wenn die entsprechenden Forschungs- und Entwicklungsarbeiten auf „Augenhöhe" mit der soziologischen Theoriediskussion vorangetrieben werden. Hier kommt der Informatik die Aufgabe zu, die entsprechenden technologischen Ressourcen bereitzustellen.

(3) „Informatikreferenz"

Die dritte Aufgabe ist, soziale Phänomene und soziologische Konzepte technologisch zu exploitieren und sie in neuartige informatische Konzepte und Modelle umzusetzen. Es geht dann nicht um die soziologische Angemessenheit sozionischer Produkte, sondern ausschließlich um ihre computerwissenschaftliche Angemessenheit. Rechenzeit und Tempogewinn, Speicherbedarf und -optimierung, algorithmische Effizienz und Eleganz sowie Wartbarkeit von Sprachen und Programmen sind die hier gültigen Kriterien, an denen sich die innovativen Leistungen der Sozionik messen lassen müssen. Die Soziologie kann sich hier als Ideengeber für die Informatik betätigen,um neue Mechanismen der Komplexitätsbewältigung, der Robustheit, der Adaptionsdynamik oder der Selbstorganisation zu entwerfen. Das soziologische „Übergangsproblem" („micro-macro-link") von Mikrogemeinschaften persönlich bekannter Gruppenangehöriger zu anonymen und hochkomplexen Makrogesellschaften dürfte hier ein ganz besonders interessantes Lösungspotential bieten, um das informatische Problem der Konstruktion von „largescale open sytems" zu bewältigen.

Literatur

  1. Davis, R.; Smith, R.G. (1983): Negotiation as a Metaphor for distributed problem solving, in: Artificial Intelligence 20 (1/83), S. 63-109.
  2. Hewitt, C. (1977): Viewing Control Structures As Patterns of Passing Messages. Artificial Intelligence 8(3), 323-364
  3. Hewitt, C. (1991): Open Information Systems Semantics for Distributed Artificial Intelligence, in: Artificial Intelligence 47 (1991), 79-106
  4. Malsch, Th.; Florian, M.; Jonas, M.; Schulz-Schaeffer, I. (1996): Sozionik: Expeditionen ins Grenzgebiet zwischen Soziologie und Künstlicher Intelligenz, in: KI 2/1996, 6-1
  5. Malsch, TH (1997), Die Provokation der „Artificial Societies", Ein programmatischer Versuch über die Frage, warum die Soziologie sich mit den Sozialmetaphern der Verteilten Künstlichen Intelligenz beschäftigen sollte, Zeitschrift für Soziologie 1/1997

Autor und Copyright

Thomas Malsch
Technische Universität Hamburg Harburg,
Arbeitsbereich Technikbewertung und Technikgestaltung,
Schloßmühlendamm 32,
D-21073 Hamburg

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