Lexikon

Normsprache

Eine Normsprache ist eine konstruierte Sprache,die durch methodische Rekonstruktion einer in einem Anwendungsbereich eingesetzten natürlichen Sprache (Gemeinsprache oder Fachsprache) gewonnen wird, z.B., indem vage und homonyme Benennungen entfernt und synonyme Benennungen nur in kontrollierter Form zugelassen werden. Sie stellt nicht das Ergebnis der Normungsarbeit einer Normungsorganisation wie z.B. des Deutschen Instituts für Normung (DIN) dar, sondern ist das Resultat unternehmensinterner Normierungsbestrebungen. Man könnte demzufolge statt von „Normsprache" auch von „Unternehmensnormsprache" oder „genormter Unternehmens(fach)sprache" sprechen,wobei „Unternehmen" hier im weitesten Sinne zu interpretieren ist.

Das Besondere an einer Normsprache im Vergleich zu formalen Sprachen ist ihr materialsprachlicher Charakter. Dieser besagt, daß eine Normsprache im Hinblick auf ihr konkretes Anwendungsgebiet nicht nur in ihrer Grammatik (formaler Teil) sondern auch in ihrem Bestand zulässiger Wörter (materialer Teil) – der einem bestimmten Anwendungsgebiet (z.B. Betriebswirtschaftslehre, Medizin) zugeordnet ist – zur Bildung korrekter Aussagen über dieses Gebiet vorher festgelegt wird. Zur Festlegung des Wortschatzes wird ein entsprechendes Wörterbuch aufgebaut und gepflegt. Dagegen beschränken sich formale Sprachen auf die Festlegung der Grammatik (Satzbaupläne) gültiger Aussagen eines Anwendungsgebiets. Ausdrücke in einer formalen Sprache sind deshalb allein gültig aufgrund ihrer Form, unabhängig davon, welche Fachwörter sie enthalten.

Die Wörter der Normsprache unterscheiden sich von Wörtern der natürlichen Sprache grundsätzlich darin, daß sie nicht erst in einem bestimmten Anwendungskontext eine bestimmte Bedeutung annehmen,sondern als Terminologie eines Gegenstandsbereichs für stets dieselbe Verwendung vorgesehen sind. Die Kernidee einer Normsprache lautet somit,eine normierte Sprache, die permanent an die Unternehmensverhältnisse anzupassen ist, zur besseren Kommunikation in und zwischen Organisationen einzuführen, deren Verwendung obligatorisch sein muß. Eine Verbesserung der Kommunikation innerhalb eines Unternehmens wird aufgrund des gemeinsamen Gebrauchs einer Normsprache durch alle Unternehmensangehörigen dadurch erzielt, daß mit Hilfe der genormten Terminologie Mißverständnisse bei der Benennung von Situationen und Gegenständen vermieden werden.

Ein wichtiges Einsatzgebiet von Normsprachen ist die Entwicklung rechnerunterstützter Informationssysteme. Die entsprechende Entwicklungsarbeit erfordert eine intensive Kommunikation zwischen Anwendern und Entwicklern, um Aussagen über das Anwendungsgebiet zu erheben, aus denen alle weiteren Entwicklungsergebnisse – ohne Beteiligung der Anwender – abgeleitet werden können. Problematisch ist, daß sich die von Anwendern und Entwicklern bevorzugt eingesetzten Sprachen stark voneinander unterscheiden. Während Anwender in einer gewachsenen, natürlichen Sprache kommunizieren, werden von den Entwicklern künstliche, konstruierte Sprachen (z.B. Diagrammsprachen) wegen ihrer „formalen Eindeutigkeit" bevorzugt. Demzufolge können Informationssysteme nur dann effizient und den Anwendern angemessen konstruiert werden, wenn die Sprachlücke zwischen gewachsenen und konstruierten Sprachen durch eine Sprache geschlossen wird, die sowohl Anwender als auch Entwickler verstehen können. Zur Schließung dieser Lücke wird die Einführung einer sowohl in ihrer Grammatik als auch bezüglich ihres Wortschatzes gegenüber der natürlichen Sprache eingeschränkten, dennoch aber vertraut wirkenden reglementierten Sprache in Gestalt der Normsprache vorgeschlagen,denn eine höchstmögliche Klarheit des angestrebten Ausdrucks ist mit den gegebenen Formen der natürlichen Sprache nicht zu erreichen. Eine solche reglementierte Sprache sollte deshalb so aufgebaut sein, daß es den Anwendern nicht schwerfällt, die gegenüber der natürlichen Sprache erforderlichen Einschränkungen in Grammatik und Wortschatz zu akzeptieren.

In der Praxis wird der normsprachliche Ansatz sowohl auf der Ebene der eingesetzten Sprachen als auch auf der Ebene der Sprachprodukte (der Ebene der Ergebnisse sprachlich basierter Entwicklungsarbeit) schon teilweise eingesetzt. Auf der Ebene der Sprachen ist neben dem beschriebenen konstruktivistischen Ansatz mit einer normierten Terminologie und festgelegten Satzstrukturen an die Normierung von Datenelementen, an die Verwendung von Terminologien und Ontologien in der Künstlichen Intelligenz (KI) sowie an die in der komponentenorientierten Entwicklung von Informationssystemen verwendeten Anwendungselemente (Business Objects) zu denken. Auf der Ebene der Sprachprodukte sind der Aufbau von Unternehmensdatenmodellen bzw. Branchendatenmodellen, der Einsatz von Produktdatenmodellen (z.B. STEP) und der Einsatz von Referenzmodellen (z.B. das SAP R/3-Referenzmodell) zu nennen. Diese normsprachlichen Sprachprodukte basieren jedoch auf einer formalen und keiner materialen Sprache, denn das Spektrum zulässiger Wörter wird nicht separat, d.h. neutral gegenüber ihrem Einsatz in Anwendungen, als Teil der Entwicklungssprache festgelegt.

Die Benennung „Normsprache" selbst geht auf Schienmann zurück,der sie anstelle der von Lorenzen eingeführten Benennung „Orthosprache" (gr.: orthos,richtig) verwendet, um nicht den falschen Eindruck zu erwecken, eine Normsprache sei die einzig richtige Sprache, etwa im Sinne einer Idealsprache. Als Idealsprache wiederum gilt eine durch geeignete syntaktische und semantische Normierung präzisierte und deshalb formalisierbare Wissenschaftssprache. Die Idee der Normsprache stammt aus der konstruktiven Wissenschaftstheorie der Erlanger Schule (W. Kamlah, P. Lorenzen u.a.). Lorenzen kam in seinen Arbeiten zu dem Ergebnis, daß die Komplexität natürlicher Sprachen nicht vollständig im Sinne des Programms der analytischen Wissenschaftstheorie analysiert werden kann. Statt dessen wird die Einführung einer künstlichen Sprache vorgeschlagen und zwar einer in ihrer Mächtigkeit der natürlichen Sprache vergleichbaren, jedoch präziseren Sprache, die methodisch und zirkelfrei konstruiert werden kann und den im Zusammenhang mit der Entwicklung von Informationssystemen erhobenen Forderungen nach Eindeutigkeit und Präzision der Fachbegriffe genügt. Die konstruktive Wissenschaftstheorie sieht vor, daß in den Fachwissenschaften auf diese Weise jeweils präzise Fachsprachen aufgebaut werden, die dann das wissenschaftliche Arbeiten unterstützen und gleichzeitig den wissenschaftlichen Charakter dieser Arbeiten unterstreichen. Im Bereich der Informatik hat erstmals Wedekind die Idee der Normsprache (respektive Orthosprache) verwendet und in einem Lehrbuch für den Bereich der Datenbanksysteme umfassend ausgearbeitet.

Eine ähnliche Zielsetzung wie eine Normsprache verfolgen auch fachspezifische Programmiersprachen (Domain Specific Languages) bezogen auf formalisierte Fachsprachen. Formalisierte Fachsprachen weisen einen sehr hohen Abstraktionsgrad auf, wie er für theoretische Grundlagenwissenschaften und experimentelle Wissenschaften charakteristisch ist. Sie verwenden bevorzugt künstliche Symbole als Sprachelemente. Formalisierte Fachsprachen sind jedoch nur für spezielle Anwendungsgebiete geeignet, denn wegen ihres hohen Abstraktionsgrads sind sie für die Kommunikation mit Anwendern im kommerziellen Umfeld in der Regel ungeeignet, da ihre Beherrschung durch die Anwender nicht vorausgesetzt werden kann. Eine an die natürliche Sprache angelehnte Normsprache bietet dann wiederum die geeignete Lösung, als gemeinsame Kommunikationsbasis zwischen Entwicklern und Anwendern im Rahmen der Entwicklung von rechnergestützten Informationssystemen zu dienen.

Literatur

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Frank R. Lehmann
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