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Themenschwerpunkt

Lehren aus der Corona-Krise aus Sicht der Informatiklehrerinnen und -lehrer in Baden-Württemberg

Ahnung statt Angst

Viele Schüler, Eltern, Lehrkräfte, leider aber auch Entscheidungsträger sind mit Auswahl und Handhabung von digitalen Werkzeugen überfordert.

Zoom als Videokonferenztool ist ein gutes Beispiel: In der Krise wird „schnell-schnell“ das erstbeste Werkzeug ausgewählt, und ganz zentrale Aspekte des Datenschutzes werden leichtfertig und vollkommen unnötigerweise fallengelassen. Wegen des „schnellschnell“ traut sich dann niemand zu widersprechen: Bei Zoom wurden schon im März 2020 katastrophale technische Fehler und das skandalöse Geschäftsgebaren bekannt (Zoom gab u.a. sämtliche Nutzerdaten an Facebook weiter.) Aber die meisten Nutzer halten aus Angst und Verunsicherung still. Oder sie wollen Kollegen oder Schülern den Wechsel nicht zumuten, weil sie glauben, dass DIE es nicht schaffen.

Gegen diese ganz grundlegende Angst helfen zunächst Übung und Gewöhnung. Das ist besser als nichts, aber von „Bildung“ ist es noch weit entfernt.

Beherrschen statt bedienen

Wer das Werkzeug (etwa Zoom) bedienen kann und dessen Möglichkeiten erkundet und vielleicht sogar ausgeschöpft hat, ist zwar einen Schritt weiter – hat aber kein grundlegendes Verständnis von Funktionsprinzipien erworben. Er muss glauben, was der Hersteller behauptet, und sich an die Abläufe halten, die der vorgesehen hat. Zudem veraltet seine Bedienungskompetenz sehr schnell.

Viele Menschen haben etwa überhaupt kein Bild davon, wie das Internet funktioniert, was damit geht, was prinzipiell gehen kann - und was eben nicht.

Viele verstehen auch nicht den Unterschied zwischen einer installierten Software und einer, die im Browser läuft. Sogar bei der Nutzung von Zoom würde etwas Hintergrundwissen oft helfen; das muss man aber erwerben, indem man ab und zu und unter Anleitung die Rolle des Konsumenten verlässt – und die des Architekten einnimmt.

Genau das leistet Informatikunterricht – der behandelt nämlich nicht, wie man Technik bedient, sondern wie man sie beherrscht. Erst das ist „Bildung“! Dieses Wissen geht tiefer, und anstatt mit dem nächsten Update schon wieder zu veralten, behält es jahrzehntelang Gültigkeit.

Geld allein macht nicht schlau (vor allem nicht sofort!)

Es gibt kein Patentrezept, das in der Corona-Krise jetzt „schnellschnell“ alle Probleme löst. Die Digitalpakt-Milliarden werden für WLAN, Beamer, Software und Dienste ausgegeben; dort sind sie auch nötig und willkommen, aber Bildung kommt weder mit dem Möbelwagen, noch wird sie im Klassenzimmer an die Wand geschraubt. Ausstattung bringt nichts, wenn eine viel wichtigere Entwicklung weiterhin (wie schon seit Jahrzehnten) stillsteht: Die Einführung eines regulären Schulfaches Informatik für alle Schülerinnen und Schüler. Seine Wirkung würde sich nur langsam, dafür aber desto nachhaltiger entfalten. Der immense Nutzen für die Gesellschaft außerhalb des Bildungssystems steht außer Frage, aber auch die Schulen würden profitieren: Wäre Informatik in den 90er oder 00er Jahren etabliert worden, wären inzwischen auch Lehrkräfte mit soliden Kenntnissen in die Kollegien nachgerückt. Die dort heute schmerzlich fehlen.

Wir sollten nicht schon wieder 20 Jahre verlieren.

Dieser Beitrag wurde von Leonore Dietrich verfasst und erschien im kürzlich veröffentlichten Arbeitspapier Digitale Bildung nach Corona. Leonore Dietrich ist stellvertretende Schulleitung an dem Kreisgymnasium Bad Krozingen und Sprecherin der Informatiklehrkräfte Baden-Württemberg (LLBW). Davor war sie 5 Jahre an der Universität Heidelberg Dozentin für Fachdidaktik Informatik und Informatik und Gesellschaft tätig und hat als Mitglied des Fortbildungsteams Informatik den „Zweijahreskurs Informatik“ mit entwickelt und durchgeführt, der fachfremde Lehrkräfte für den Informatikunterricht in der Oberstufe qualifiziert.