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Blogbeitrag

Köpfe der Informatik | Interview mit Prof. Dr. Dorothea Wagner

Prof. Dr. Dorothea Wagner ist eine deutsche Informatikerin, Hochschullehrerin am Karlsruher Institut für Technologie und seit dem 1. Februar 2020 Vorsitzende des deutschen Wissenschaftsrates.

Liebe Frau Prof. Wagner, Sie haben 2019 die Konrad-Zuse-Medaille für Ihre herausragenden Beiträge in der Informatik verliehen bekommen. Lassen Sie uns einmal zurückblicken: Wie sind Sie zur Informatik gekommen und was hat Sie daran fasziniert?

Meinen Weg in die Informatik habe ich über die Mathematik gefunden. Schon früh stand für mich fest, dass ich Mathematik studieren möchte, nur bei der Wahl des Nebenfachs war ich unentschlossen. Schließlich habe ich mich für das damals noch neue Fach Informatik entschieden, ohne zu wissen, was sich dahinter verbirgt. Aber von Beginn an hat mir die Informatik gut gefallen, besonders die Logik und die Algorithmik, also Gebiete im Überschneidungsbereich von Mathematik und Informatik. Es hat mich dann zunehmend fasziniert, Algorithmen zu entwickeln, mit denen man „echte“ Probleme lösen kann.

Gab es während Ihrer Karriere besondere Herausforderungen oder auch Höhepunkte, an die Sie sich heute gerne erinnern?

Eine besondere Herausforderung war mit meiner ersten Professur an der Universität Konstanz verbunden, die ich 1994 übernommen habe. Da ging es nicht allein um den Aufbau meines eigenen Lehrstuhls, sondern darum, die Informatik als neues Fach an der Universität Konstanz zu etablieren. Für mich als junge Professorin war das eine riesige Chance, die mit Aufgaben und Entscheidungen verbunden war, die für mich damals ganz neu waren. Ein erster Höhepunkt war ein paar Jahre später die Einwerbung des European Research Training Network „Algorithmic Methods for Optimizing the Railways in Europe“, das ich initiiert und koordiniert habe. Diesem Projekt sind dann eine Reihe weiterer europäischer Projekte im Bereich Mobilität gefolgt, allerdings hatte keines ein so schönes Akronym wie „AMORE“.

Sie sind Anfang 2020 zur Vorsitzenden des Wissenschaftsrats gewählt worden. Durch die Corona-Pandemie haben die Hochschulen, aber auch andere Forschungseinrichtungen eine sehr turbulente Zeit erlebt. Wie gehen Sie mit dieser Situation aktuell in ihrer Arbeit um?

Als ich im Februar 2020 mein Amt antrat, glaubte ich sehr genau zu wissen, wie meine Arbeit als Vorsitzende des Wissenschaftsrats aussehen würde. Schon zwei Monate später war klar, dass zumindest die Arbeitsform für eine ganze Weile anders sein würde als erwartet. Aber die inhaltliche Arbeit an den Empfehlungen des Wissenschaftsrats, die Kooperation mit den anderen Wissenschaftsorganisationen und die Gespräche mit der Politik liefen und laufen nach wie vor wie erwartet, nur halt zu einem großen Teil in Form von Videokonferenzen. Dies funktioniert überraschend gut. Das Thema der Digitalisierung im Wissenschaftssystem, das ich als ein Schwerpunktthema meiner Amtszeit gewählt habe, hat mit den durch Corona veränderten Arbeitsformaten eine ganz neue Dynamik erfahren. Themen wie die Digitalisierung in der Lehre oder in der Medizin, die der Wissenschaftsrat schon vor der Corona-Krise in seinem Arbeitsspeicher hatte, haben eine neue Bedeutung erlangt. Damit, aber auch mit anderen durch die Corona-Krise ausgelösten Impulsen für das Wissenschaftssystem beschäftigen wir uns gerade ganz intensiv im Wissenschaftsrat.

2019 haben Sie Geschichte geschrieben und als erste Frau die Konrad-Zuse-Medaille erhalten. Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass Frauen in der Informatik noch immer unterrepräsentiert sind?

In der Tat sind die Frauen in der Informatik deutlich unterrepräsentiert. Das war im Großen und Ganzen von Anfang an so und hat sich über die mehr als fünfzig Jahre, in denen es die Informatik an Hochschulen in Deutschland gibt, kaum verbessert. Trotz der verschiedensten Bemühungen, junge Frauen für das Fach Informatik zu begeistern, liegt der Anteil der Studentinnen im gesamten Studienbereich Informatik bei nur knapp über 20 %, im Fach Informatik ein paar Prozent darunter. Das mag an einem unangemessenen Bild der Informatik liegen, dem Nerd- oder Hacker-Image. Mit einem flächendeckenden Schulfach Informatik könnte man dieses Bild korrigieren, aber leider ist die Informatik an Schulen noch zu wenig und nicht überall in der richtigen Weise präsent.

Wie können wir dieser Tatsache entgegenwirken?

Angesichts des digitalen Wandels in der Gesellschaft besteht sowieso dringender Nachholbedarf bei der informatischen Bildung. Mit einer flächendeckenden Einführung informatischer Bildung in den Schulen werden hoffentlich auch junge Frauen entdecken, wie viele spannende und kreative Berufe mit der Informatik verbunden sind. Allerdings bin ich auch ein wenig frustriert darüber, dass so viele gut gemeinte Aktivitäten und Initiativen wie „Girls’ Days“ oder „Komm mach MINT“ nur kleine Erfolge aufweisen. Vielleicht sollten wir mal einen Schritt zurücktreten und überprüfen, ob wir damit nicht sowieso „nur“ die jungen Frauen, die sich bereits für Informatik interessieren, in ihrer Wahl bestärken. Es wäre gut, zu verstehen, wie man vor allem auch Mädchen und junge Frauen, die viele verschiedene Interessen haben, dafür begeistern kann, Informatik zu studieren.


Dieses Interview erschien im GI-Jahresbericht 2019/2020. Das gesamte Heft steht Ihnen hier zum Lesen bereit. 

 

Hat als erste Frau die Konrad-Zuse-Medaille erhalten, Prof. Dr. Dorothea Wagner vom Karlsruher Institut für Technologie © KIT, PKM