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Blogbeitrag

Interview mit Dr. Laura Sophie Dornheim und Ann Cathrin Riedel

Die Digitalpolitikerinnen Dr. Laura Sophie Dornheim und Ann Cathrin Riedel gehören zu den prägenden Stimmen bei Grünen und FDP. Im Doppelinterview sprechen sie über demokratische Teilhabe in der Corona-Zeit, die Einsamkeit des Homeoffice und falsche „Nerd Pride“.

In den vergangenen Monaten ist die Arbeitswelt im Homeoffice sehr viel dichter an das Privatleben herangerückt. Wie habt ihr das erlebt?

Dr. Laura Sophie Dornheim: Ich glaube ganz entscheidend dafür, wie Menschen das Homeoffice erlebt haben, sind Kinder. Viele Kinderlose in meinem Umfeld haben die Zeit als recht entspannt beschrieben, auch diejenigen, die vor der Corona-Pandemie keine Fans des Homeoffice waren. Aber wenn das Homeoffice gleichzeitig zur Home-Kita wird, ist das eine enorme zusätzliche Herausforderung. Da war ich froh, noch einen alten Laptop zuhause zu haben, auf dem ich Peter Lustig in Endlosschleife laufen lassen konnte.

Ann Cathrin Riedel: Ich habe die erste Zeit wirklich häufig gedacht: Gott sei Dank, nicht auch noch ein Kind. Weil ich als Selbstständige häufig zu Hause bin und häufig alleine arbeite, waren die vergangenen Monate aus dieser Pers-pektive heraus keine große Umstellung. Trotzdem waren sie psychisch herausfordernd. Acht Wochen Isolation ohne reale Menschen um einen herum machen einfach fertig. Ich habe nicht erwartet, wie belastend das ist.

Dr. Laura Sophie Dornheim: Da gebe ich Ann Cathrin recht. Auch wenn wir an allen Ecken und Enden enorme Sprünge in Sachen Digitalisierung erlebt haben: sich mit jemandem zum Spaziergang zu treffen und sich zu besprechen, das hat einfach eine andere Qualität.

Die Digitalisierung unserer Lebens- und Arbeitswelt hat sich auf vielen Ebenen beschleunigt. Habt ihr das Gefühl, dass dieser Trend nachhaltig ist?

Dr. Laura Sophie Dornheim: Ich glaube, es ist zu früh das zu beurteilen. Zwar hat sich viel in Gang gesetzt, aber die Verstetigung dieses Trends ist eine Herausforderung. Gerade im Bildungsbereich darf eine Normalisierung der Situation nicht dazu führen, dass wir in alte Muster zurückfallen und den Ausbau digitaler Infrastrukturen schleifen lassen. Denn spätestens, wenn Neuntklässler*innen vor dem Starbucks stehen müssen, um sich ihre Hausaufgaben im kostenfreien WLAN herunterzuladen, ist klar: Digitale Teilhabe ist kein Naturgesetz, sondern muss aktiv vorangetrieben werden.

Ann Cathrin Riedel: Ich möchte Laura da zustimmen. Der Aspekt der Teilhabe ist auch für unsere Demokratie höchst relevant. Hier hat uns Corona ebenfalls vor neue Herausforderungen gestellt. Parteitage und Sitzungen konnten nicht richtig stattfinden, in Berlin gab es sogar die Überlegung für ein Notparlament. Hier zeigt sich, dass wir die Möglichkeiten digitaler Partizipation weiter ausbauen müssen, von der kommunalen Ebene bis hinein in den Bundestag. Denn ob Krankheit, Mutterschutz oder fehlendes Geld: Es gibt viele Gründe, warum Menschen an Gremiensitzungen oder Parteitagen nicht vor Ort sein können. Aber „nicht vor Ort sein“ darf eben nicht bedeuten, „nicht dabei zu sein“.

Gerade in der Corona-Krise wird viel Hoffnung in die Entwicklung von Technologien gelegt. Doch hat insbesondere die Corona-App gezeigt, dass sie nur dann wirksam sind, wenn die Menschen sie auch akzeptieren und anwenden. Machen die Fachleute aktuell noch einen zu schlechten Job, wenn es darum geht, digitale Technologien und deren Nutzen zu erklären?

Ann Cathrin Riedel: Ich glaube, die Expertinnen und Experten machen ihren Job ganz gut. Trotzdem entsteht in öffentlichen Diskussionen manchmal der Eindruck, dass wir nur genug digitalisieren müssen, um alle Probleme der Welt zu lösen. Insbesondere in der Debatte um die Corona-App hatte ich das Gefühl, dass einige Menschen vergessen, dass eine Technologie wie die Warn-App nur ein Baustein einer Lösung sein kann, in deren Zentrum nach wie vor der Mensch steht. Der soziale Aspekt muss von Anfang an mitgedacht werden. Doch das passiert oftmals noch zu selten.

Dr. Laura Sophie Dornheim: Das ist ein wichtiger Punkt. Oftmals schlägt bei Entwickler*innen eine Form von „Nerd-Pride“ durch, nach dem Motto: „Gib mir ein Problem, ich programmiere dir eine Lösung.“ Aber Technologien sind Werkzeuge, keine Lösungen. Sie müssen genutzt werden. Ein weiteres Problem, das in den letzten Monaten deutlich wurde, ist das enorme Wissensgefälle in Bezug auf digitale Technologien. Für die Meinungsbildung in Politik und Gesellschaft ist es durchaus problematisch, wenn nur sehr wenige Menschen über die nötigen Wissensgrundlagen verfügen, um sich in einem so zentralen Themengebiet wie der Digitalisierung zurechtzufinden. Leider haben diejenigen, die Ahnung von einem Thema haben, in vielen Fällen kein Interesse daran, ihr Wissen zu teilen, weil sie glauben, dass dieser Wissensvorsprung ihren Status sichert. Doch gerade in der heutigen Zeit ist es essentiell, Technologien niedrigschwellig zu erklären und den Menschen zu zeigen: Digitalisierung ist kein Hexenwerk, sondern ein Gesellschaftsprojekt, bei dem jede und jeder mitwirken kann.

2020 wird wahrscheinlich auch als das Jahr in die Informatik-Geschichte eingehen, in dem die Deutschen gelernt haben, was ein Hackathon ist. Zehntausende Menschen haben bei #WirVsVirus oder #wirfürschule gemeinsam an digitalen Werkzeugen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie gearbeitet. Glaubt ihr, dass uns dieser Geist der Kollaboration auch zukünftig erhalten bleibt?

Ann Cathrin Riedel: Ich denke, eine entscheidende Herausforderung besteht darin, die vielen Ideen auch über die Hackathons hinaus zu unterstützen und den Menschen dahinter das Gefühl zu geben, dass ihr kreatives Engagement nicht verpufft – gerade bei so riesigen Event-Formaten. Erst mit der klaren Zusicherung der Regierung, sich ernsthaft und dauerhaft mit den digitalen Ideen aus der Bevölkerung auseinanderzusetzen und diese Foren zu verstetigen, werden sich solche partizipativen Formate etablieren.

Dr. Laura Sophie Dornheim: Ich hoffe sehr, dass eben solche Formate dazu beitragen, die gefühlte Kluft zwischen Bevölkerung und Staat zu überwinden. Das wäre ein großer Gewinn für unsere Demokratie, denn sie baut auf der Prämisse auf, dass wir alle uns einbringen und gemeinsam etwas gestalten können.

Glaubt ihr, dass die vergangenen Monate auch den Blick auf die Informatik verändert haben?

Dr. Laura Sophie Dornheim: Ich glaube schon. Die augenscheinlichste Lehre aus der Krise dürfte für viele Menschen die Erkenntnis sein, wie wichtig digitale Infrastrukturen sind, ob im Unternehmen oder in der Schule. Mindestens ebenso wichtig ist aber, zu verstehen, dass es nicht nur die fehlenden Infrastrukturen waren, die vielerorts die Krise noch verschärft haben. In Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Bildungswesen mangelt es immer noch massiv an Digital-Kompetenz. Ich hoffe sehr, dass 2020 rückblickend als das Jahr betrachtet wird, in dem der digitalen Bildung ein deutlich höherer Stellenwert eingeräumt wurde.

Ann Cathrin Riedel: Ich bin mir da nicht sicher. Viele Menschen in meinem digitalaffinen Berliner Umfeld dürften dieser These sicherlich zustimmen. Nun war ich aber letzte Woche zehn Tage in der Heimat und habe mich mit Leuten getroffen, mit denen ich früher in der Schule war oder gekellnert habe. Da hat das Thema Digitalisierung in der Corona-Krise keine Rolle gespielt. Das ist schade, aber auch vielerorts Realität. Umso mehr müssen wir uns darum bemühen, auch Menschen außerhalb unser Digitalisierungsblase zu erreichen und einzubinden.

Dieses Interview erschien im GI-Jahresbericht 2019/2020. Das gesamte Heft steht Ihnen hier zum Lesen bereit.  

Dr. Laura Sophie Dornheim © Felix Speiser
Ann Cathrin Riedel © Hendrik Widuwilt