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Blogbeitrag

Informatik in der Schule | Interview mit Prof. Dr. Nadine Bergner

Nadine Bergner leitet die Professur für Didaktik der Informatik an der TU Dresden. Sie lehrt im Bereich Fachdidaktik Informatik, Grundlagen der Informatik sowie Mediendidaktik und verfolgt damit das Ziel, das (außer)schulische Lernen von digitalen und insbesondere informatischen Kompetenzen weiterzuentwickeln.

Frau Bergner, wie können wir Kinder und Jugendliche – und vor allem Mädchen – für die Informatik begeistern?

Wenn die Inhalte spielerisch und altersgerecht vermittelt werden, ist schon viel getan. Wir müssen aber auf jeden Fall bereits im Grundschulalter ansetzen. Studien zeigen, dass ab der 6. Klasse Gender-Stereotype so viel Raum einnehmen, dass, wenn Mädchen davor keinen Zugang zu MINT-Bildung hatten, es ungleich schwerer wird, Jungs und Mädchen in gleichem Ausmaß für die Informatik zu gewinnen. Außerschulische Angebote sind natürlich toll und an vielen Stellen auch pädagogisch sehr geeignet, um Kindern und Jugendlichen einen Zugang zu bieten. Es findet jedoch eine gewisse Verzerrung statt, weil solche Angebote eher Kinder erreichen, die sich sowieso schon sehr für Informatik und Technik interessieren oder deren Eltern den Wert der informatischen Bildung erkennen und aktiv fördern wollen. Wir wollen aber natürlich möglichst alle Kinder und Jugendlichen erreichen. Dahingehend gibt es in manchen Bundes-ländern auch schon gute Entwicklungen. In Sachsen wurde zum Beispiel im Fach Werken für die 4. Klasse der Lernbereich „Begegnung mit Robotern und Automaten“ eingeführt. Darin wird es Kindern ermöglicht, spielerisch Kompetenzen und Interesse zu entwickeln. In Nordrhein-Westfalen ist der Informatikunterricht in der 5. und 6. Klasse dazugekommen und Mecklenburg-Vorpommern hat einen neuen Lehrplan mit dem Fach Informatische Bildung und Medien. Es spricht Mädchen tendenziell mehr an, wenn auch die kreativen Seiten der Informatik betont werden.

Sie sind natürlich an der Uni ganz nah dran an den angehenden Informatiklehrer*innen.

Es gibt tolle Formate und Inhalte für die informatische Bildung an Schulen, aber vor allem zwei Problemlagen in der Lehrerbildung. Die Studierenden, die Informatik auf Lehramt studieren, sind sehr motiviert – da ist auch das Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen etwas weniger ausgeprägt als im Fachstudium –, aber es gibt insgesamt viel zu wenige Studienanfängerinnen im Lehramt Informatik. In Sachsen bräuchten wir zum Beispiel zehn Mal so viele Informatiklehrer*innen. Junge Menschen für das Lehramtsstudi-um zu gewinnen ist schon schwer, für MINT-Fächer noch ein bisschen schwerer, und relativ wenige bleiben dann bei der Informatik. Die, die wir an der Universität ausbilden, steigen dann aber frühestens in der 7. Klasse ein. Um im Primarbereich wirksam zu werden, müssen informatische Kompetenzen von Grundschullehrkräften vermittelt werden, die selbst in ihrer eigenen Ausbildung selten mit informatischen Inhalten zu tun hatten. Deshalb ist da die Zurückhaltung oft groß, sich entsprechende Kenntnisse später noch anzueignen. Da braucht es also mehr und bessere Fortbildungen, die Fortbildungslandschaft für Lehrer*innen ist aber allgemein ziemlich rudimentär.

Welche Möglichkeiten haben Lehrerinnen und Lehrer im Primarbereich?

Ersetzen durch: Es gibt inzwischen einige gute Initiativen und es zeigt sich, dass Grundschullehrerinnen und -lehrer diese auch mit Begeisterung wahrnehmen, sobald sie ein-mal die erste Hürde genommen haben und die Bedeutung und Gestaltungsmöglichkeiten der Informatik im frühen Bildungsweg erkannt haben. Viele Schulen können und wollen sich das zusätzliche Equipment wie z.B. Tablets, Software, Roboter nicht leisten. Da helfen dann Medienzentren. In NRW und Sachsen verleihen diese Geräte, die die Lehrenden im Unterricht nutzen können. Das Haus der kleinen Forscher bietet im Kontext der Weiterbildungen auch einiges an, zum Beispiel ein Fortbildungsmodul „Informatik mit und ohne Computer“. COVID-19 macht das natürlich alles etwas schwieriger, der sächsische Schulinformatiktag als landesweite Fortbildung für Informatik ist ausgefallen. Ein Angebot an zeit- und orts-unabhängigen Online-Fortbildungen wurde zum Glück davor schon erarbeitet. Akkreditierung ist dabei natürlich ein Schlüsselwort, damit die Lehrkräfte die geleisteten Fortbildungen auch geltend machen können.

Was kann und soll die GI im Bereich der informatischen Bildung mittelfristig tun, wen sollen wir ansprechen?

Die Empfehlungen für informatische Bildung in der Primarstufe 2018 waren ein tolles Signal, da die GI davor im Primarbereich nicht wirklich wahrgenommen wurde. Dieses Thema sollte auch in Zukunft Widerhall finden. Der Informatik-Biber ist dafür toll geeignet. Es macht aus meiner Perspektive wenig Sinn, neue Plattformen aufzubauen, aber unter anderem könnte das Portal „Einstieg Informatik“ noch stärker genutzt werden, um sowohl Schülerinnen und Schüler als auch Lehrende mit Angeboten und Materialien zu versorgen. Darin steckt aus meiner Sicht noch viel Potenzial. Ich richte außerdem meinen Aufruf an Grundschullehrkräfte, sich Partnerschaften und Kooperationen mit Universitäten, Hochschulen und Unternehmen zu suchen. Auf beiden Seiten gibt es gute Ideen, die man zusammenbringen sollte. Ich denke da etwa daran, mit dem IT-Unternehmen von neben-an oder der Hochschule vor Ort ein Informatik-Projekt zu machen und so den eigenen Unterricht anzureichern.


Dieses Interview erschien im GI-Jahresbericht 2019/2020. Das gesamte Heft steht Ihnen hier zum Lesen bereit. 

Prof. Dr. Nadine Bergner. Copyright: TU Dresden