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Blogbeitrag

Gedankenkontrolle durch Neuro-Implantate

Geräte mit bloßen Gedanken steuern – das soll ein sogenanntes Brain-Computer-Interface (BCI) ermöglichen. Die Schnittstelle baut eine Verbindung zwischen Gehirn und Computer auf, ohne Extremitäten oder Eingabegeräte wie Maus und Tastatur zu benötigen.

Ohne die mechanischen Einschränkungen solch klassischer Eingabegeräte wird das Zielgerät effizienter angesprochen (golem). Diese direkte Kommunikation zwischen Nutzerinnen und Nutzern und Endgeräten ermöglicht beeinträchtigten Menschen einen barrierefreien Zugang zum Netz, eine entscheidende Voraussetzung zur digitalen Kommunikation und Teilhabe. Solange ihr Gehirn messbare Impulse aussenden kann, sind Beeinträchtigte in der Lage, Geräte anzusteuern.

Es gibt zahlreiche zivile Anwendungen für diese Technik – aber auch militärische: angefangen beim Verfassen von Texten über die Steuerung von Prothesen bis hin zur Kontrolle von ganzen „Drohnenschwärme[n] in Gedankenschnelle“ (heise). 

In jüngster Zeit sind auch große Tech-Unternehmen an der Brain-Computer-Interaktion interessiert. Ein Beispiel ist das Start-Up „Ctrl-Labs“, das als universitäres Forschungsprojekt gestartet ist. Die Firma wurde im Jahr 2019 für etwa eine Milliarde US-Dollar mitsamt ihren Patenten von Facebook aufgekauft (taz). Ctrl-Labs forscht an Hardware, die es dem Menschen ermöglichen soll, mithilfe seiner Gedanken und der dadurch entstehenden elektrischen Signale im Körper präzise Befehle an ein Endgerät zu senden. Beispielsweise wurde ein Armband entwickelt, mit dem sich Texte nur mithilfe von subtilen Muskelbewegungen erzeugen lassen. Bei ausreichender Übung könnten sich Informationen so deutlich schneller erzeugen lassen. Plattformen wie Facebook profitieren davon, da ihre Nutzerinnen und Nutzer ihren Content so noch einfacher generieren  können.

Neben Facebook ist auch Elon Musk mit „Neuralink“ im Besitz eines BCI-Start-Ups. Neuralink hat sich auf die Herstellung von Gehirnimplantaten spezialisiert, die sowohl elektrische Signale auslesen als auch eigene Signale an das Gehirn senden können. Diese beidseitige Funktionsweise stellt eine Neuerung auf dem Markt dar. Wie das Start-Up im August 2020 bekannt gab, wurde die Technologie bisher nur an Schweinen getestet und soll zunächst gelähmten Menschen dabei helfen, Endgeräte wie Smartphones oder Computer bedienen zu können (t3n). Obwohl das Unternehmen bisher noch kein Produkt auf den Markt gebracht hat, sind die Ziele für zukünftige Verwendungszwecke der Implantate durchaus ambitioniert: So sollen Beeinträchtigungen wie Taub- oder Blindheit und psychische Krankheiten geheilt werden. Auch soll es möglich werden, Musik direkt „im Kopf“ abspielen zu lassen oder mittels eines „inneren Displays“ Spiele zu spielen (heise).

Neben all der Begeisterung über die vielfältigen Möglichkeiten von BCIs sollten gewisse Punkte jedoch nicht außer Acht gelassen  werden. Insbesondere die Tatsache, dass Privatunternehmen, wie z.B. Facebook massiv in die Technologie investieren und hier Vorreiter sind, ist kritisch zu sehen. Mit Schnittstellentechnik aus dem eigenen Hause wäre das soziale Netzwerk beispielsweise dazu in der Lage, noch mehr Datenpunkte zu erfassen und Nutzerinnen und Nutzern zuzuordnen. Dies würde Facebook einen wesentlich umfassenderen Blick in die menschliche Psyche erlauben als bisher. 

Auch über Zugänglichkeit zu den BCIs muss diskutiert werden. Lägen die Patente und Rechte erst einmal bei Privatunternehmen, können diese den Zugang zu BCIs einschränken und monetarisieren. Es ist fraglich, ob sich die Bedürfnisse von Nutzerinnen und Nutzern mit Beeinträchtigungen, für die der Einsatz der Technologie lebensverändernd wäre, mit den privatwirtschaftlichen Interessen großer Unternehmen decken.

Verfolgt man die Vision von Neuralink weiter, stellt sich eine zusätzliche Frage: Wie sicher sind die Implantate, die direkt im Gehirn platziert werden sollen? Und wie können sich Trägerinnen und Träger eines Implantats vor einem „Hacking“ ihres eigenen Gehirns schützen? Da sich die angedachte Technologie nicht nur auf das reine Lesen und Auswerten beschränkt, sondern auch in der Lage ist, eigene Impulse zu senden, stellt die Sicherheit einen der zentralsten Punkte für die Akzeptanz und den Einsatz der BCIs dar.

Allgemein ist bei Implantaten, die die gewöhnlichen Fähigkeiten des menschlichen Körpers erweitern, fraglich, welche Anwendungen ethisch vertretbar sind und inwieweit der Gesetzgeber regulierend eingreifen sollte. Relevant ist dies vor allem bei militärischen Anwendungen, sowie bei Modifikationen, die Trägerinnen und Trägern einen signifikanten Vorteil gegenüber Nicht-Nutzerinnen und -Nutzern bieten würden.

Dieser Artikel wurde von Yasmina Adams, Marlon Gehlenborg und Johannes Korz verfasst. Da durch die Verwendung neuer Technologien immer wieder ethisch fragwürdige Situationen entstehen, würden wir uns freuen, gemeinsam einen Diskurs zu genau solchen Fragen zu gestalten. Verlinken Sie uns gerne auf Twitter mit dem Hashtag #RedaktionSozioinformatik.