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Blogbeitrag

Disruption dank Informatik

Der Titel dieses GI-Radars, „Disruption dank Informatik“, ist nicht nur angelehnt an den GI-Slogan „... dank Informatik“, sondern auch bewusst doppeldeutig formuliert.

Zum einen erfordert die Digitalisierung mit neuen Geschäftsmodellen eine radikale Neubewertung alter Geschäftsmodelle und Vorgehensweisen. Zum anderen sehen wir gegenwärtig, dass wir Disruptionen dank Informatik besser bewältigen können, wie wir gerade in der Corona-Krise erleben. Hier ermöglichen moderne IT-basierte Kommunikationssysteme Produktivität und Infektionsschutz gemeinsam zu erhalten oder vielleicht sogar zu verbessern (rki.de). Aber wie hängen Disruption und Digitalisierung eigentlich zusammen? 

Unter Vertreterinnen und Vertretern der deutschen Industrie und Politik ist es das vorherrschende Verständnis, dass Digitalisierung und disruptive Innovation untrennbar gekoppelt sind. Entsprechend betonen sowohl die Bundesregierung (bundesregierung.de) als auch der Interessenverband BITKOM (bitkom.org), dass die Digitalisierung einen Treiber für Innovationen deutscher Unternehmen darstellt, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten oder sogar auszubauen. Am besten entwickeln diese Unternehmen auf diese Weise neue disruptive Geschäftsmodelle, die den aktuellen Markt zugunsten des eigenen Unternehmens umkrempeln. Der Begriff „disruptive Innovation“ geht auf das 1997 erschienene Buch „The Innovator's Dilemma“ (hbs.edu) von Clayton M. Christensen zurück, in dem der Autor diskutiert, wie etablierte, rational geführte Unternehmen ihre Vormachtstellung aufgrund von neuen Konkurrenten mit disruptiven Geschäftsmodellen oder Technologien verlieren können.

Typische Beispiel für disruptive Technologien sind unter anderem Transistoren, Automobile, Telefone, Personal Computer, Mobiltelefone, digitale Medien, das Internet und Smartphones. Solche Erfindungen haben jeweils ältere Technologien verdrängt und/oder obsolet gemacht. 

Disruptive Technologien werden häufig zuerst von kleineren Unternehmen eingesetzt, die damit neue Geschäftsmodelle erproben und neue Marktsegmente erschließen. Nach einer Weile werden die kleinen Unternehmen so groß, dass sie auch die Marktsegmente etablierter Unternehmen übernehmen. Es ist wissenschaftlich anerkannt, dass dies auch einem Unternehmen widerfahren kann, das rational im eigenen Interesse handelt (wiley.com). Beispiele von Unternehmen mit disruptiven Geschäftsmodellen gibt es unzählige, wobei die jüngeren sich auf die allgegenwärtige Verfügbarkeit des Internets und Verbreitung von Smartphones stützen, wie zum Beispiel Amazon, Apple, Google, Facebook, Uber und Airbnb zeigen. Deren Erfolg lässt sich jedoch nicht nur mit den disruptiven Geschäftsmodellen und ausgefeilten Softwaresystemen erklären und begründen, sondern auch mit der Tatsache, dass sie Plattformen für unterschiedliche Marktteilnehmer (wie z.B. Anbieter, Konsumentinnen und Konsumenten) bereitstellen (forbes.com). Solche Plattformen unterliegen dem Netzwerkeffekt, das heißt, ihre Qualität und ihr Wert steigen exponenziell mit der Menge der Nutzerinnen und Nutzer, sie sind also bestrebt, diese Menge um jeden Preis zu maximieren (springer.com). Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass am Ende eine Plattform übrig bleibt, die die meisten Personen an sich binden konnte. Dies erklärt, warum solche Unternehmen schnell eine Monopolstellung am Markt einnehmen, mit allen gesellschaftlichen Vor- und Nachteilen.

In Retrospektive der vergangenen Jahrzehnte ist unbestreitbar, dass die Informatik wesentliche Technologien für disruptive Innovationen geliefert hat. Ähnlich unbestreitbar werden die Vorteile der Digitalisierung für Unternehmen dargestellt, wie die (Teil-)Automatisierung manueller Arbeitsschritte, Automatisierung von Daten-intensiven Prozessen, automatische Datenerfassung, verbesserte Möglichkeiten der Analyse sowie flexiblere Verteilung und Virtualisierung von Arbeitsprozessen (ibjournals.mtsu.edu). Trotz all dieser Vorteile gaben dennoch 58 Prozent der Geschäftsführer und Vorstände quer durch alle Branchen in einer aktuellen Studie der BITKOM an, „Nachzügler bei der Digitalisierung zu sein“ und „12 Prozent der Unternehmen fühlen sich durch die Digitalisierung in ihrer Existenz bedroht“ (bitkom.org), obwohl bereits 2016 etwa 76 Prozent der befragten Unternehmen angaben, eine Digital-Strategie zu haben (bitkom.org).

Insgesamt, so scheint es, bleibt trotz aller Initiativen der Bundesregierung zur Digitalisierung (hamburger-software.de) die disruptive Innovation aus deutschen Unternehmen aus. Einerseits ist Digitalisierung kein Garant für disruptive Innovation, sondern ein Mittel, die Unternehmensprozess, Geschäftsmodelle und Kundenzufriedenheit zu verbessern. Davon profitieren die bestehenden Kundinnen und Kunden mehr als davon, immer neue disruptive Technologien einzusetzen, ohne für sie einen tatsächlichen Anwendungsfall zu haben. Denn allzu oft werden neue Technologien wie zum Beispiel künstliche Intelligenz (KI) von Unternehmen eingesetzt, nur um disruptive Innovationen vorzuweisen. Schlimmer noch ist es, wenn in Wirklichkeit keine künstliche, sondern viele natürliche Intelligenzen die ganze Arbeit verrichten (theguardian.com). Andererseits bietet erst die Digitalisierung die Chance, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, die ohne die (disruptiven) Informationstechnologien nicht realisierbar wären. Diese neuen Geschäftsmodelle sind es, die am Ende zu einer disruptiven Innovation führen können.

Gleichermaßen machen solche disruptiven Technologien auch vor der Informatik-Forschung keinen Halt. Angetrieben von der Forschungsförderung und Auftragsforschung versuchen viele Forscherinnen und Forscher, KI-Techniken in ihren Forschungsfeldern einzusetzen, etwa Deep Neural Networks, Recurrent Neural Networks oder Convolutional Neural Networks, mit denen komplexe Entscheidungsprobleme gelöst werden können, ohne sie vollständig verstehen zu müssen. Und obgleich sich auf diese Weise Probleme wie Objekterkennung, Spracherkennung und Textübersetzung mit hoher Genauigkeit lösen lassen, ergeben sich durch solche Techniken neue Risiken, etwa durch unzureichende oder vorurteilsbehaftete Trainingsdaten, wie der Fall von Microsofts ChatBot Tay illustriert (spectrum.ieee.org). Sollten neuronale Netze in sicherheitskritischen Systemen eingesetzt werden, obwohl ihr Verhalten potenziell nicht deterministisch und nicht nachvollziehbar ist? – Auch wenn die Antwort darauf „Nein“ lautet, so ist zu befürchten, dass Technologieunternehmen bereits an entsprechenden Innovationen arbeiten. 

Sind Sie anderer Meinung oder interessiert Sie die Meinungen von Vertreterinnen und Vertretern aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft zu diesem Thema, so diskutieren Sie mit bei der virtuellen Podiumsdiskussion am 29. September 2020 um 10:30 Uhr. Es sprechen unter anderem Saskia Esken (MdB), Martin Hubschneider (CEO CAS) , Professorin Dorothea Wagner (Vorsitzende Wissenschaftsrat), Professorin Ina Schieferdecker (Ministerialdirektorin BMBF) und Ulrich Steinbach (Ministerialdirektor MWK Baden-Württemberg). Die virtuelle Podiumsdiskussion bildet den Auftakt der 50. Jahrestagung der Gesellschaft für Informatik e.V. Unter dem Motto „Back to the Future“ wird die INFORMATIK 2020 erstmals vornehmlich virtuell ausgerichtet und ist für alle Interessierten kostenfrei zugänglich.

Diesen Beitrag haben Dr.-Ing. Thomas Kühn (KIT) und Prof. Dr. Ralf Reussner (KIT / FZI) zusammengestellt. Vielen Dank! Ihre Vorschläge für Textbeiträge nehmen wir gerne unternews@gi-radar.de entgegen.